Dr. Melis Sökmen

Botulinumtoxin am Masseter

Was ist Botulinumtoxin am Masseter?

Der Musculus masseter ist der kräftigste Kaumuskel und liegt seitlich am Unterkiefer. Bei einer Behandlung mit Botulinumtoxin wird das Medikament in geringer Menge gezielt in diesen Muskel injiziert. Es hemmt dort vorübergehend die Signalübertragung vom Nerv zum Muskel, wodurch die Anspannung des Muskels für einige Monate abnimmt.

Für wen geeignet?

  • nächtliches Zähneknirschen und Zusammenpressen (Bruxismus)
  • Verspannungs- und Druckgefühl im Kiefer- und Schläfenbereich
  • ausgeprägter Kaumuskel mit betont eckiger Unterkieferkontur
  • begleitend zu einer zahnärztlichen Schienentherapie

Vorteile

  • kurze ambulante Behandlung ohne Schnitt und ohne Narkose
  • die Wirkung ist zeitlich begrenzt und damit umkehrbar
  • keine nennenswerte Ausfallzeit
  • die Dosis kann bei Folgebehandlungen angepasst werden

Ablauf

  1. ärztliches Gespräch zu Beschwerden, Vorerkrankungen und Medikamenten
  2. Ertasten des angespannten Kaumuskels und Markieren der Injektionspunkte
  3. Desinfektion der Haut über dem Muskel
  4. Injektion an mehreren Punkten je Seite mit einer sehr feinen Kanüle
  5. kurze Nachbeobachtung und Besprechung der Verhaltenshinweise

Wie viele Sitzungen?

1 Sitzung pro Behandlungszyklus, einmalig pro Zyklus, eine Kontrolle erfolgt nach etwa 2 Wochen. eine Auffrischung ist in der Regel alle 4–6 Monate erforderlich.

Nach der Behandlung

  • die behandelte Region für 24 Stunden nicht massieren oder kräftig reiben
  • für etwa 4 Stunden nach der Behandlung nicht flach hinlegen
  • am Behandlungstag auf intensiven Sport, Sauna und Solarium verzichten
  • in den ersten Tagen sehr harte oder zähe Speisen meiden
  • bei Kau- oder Schluckproblemen ärztlich Rücksprache halten

Wann sieht man Ergebnisse?

Eine nachlassende Anspannung wird häufig nach 1–2 Wochen bemerkt — die volle Wirkung ist meist nach 4–6 Wochen zu beurteilen.

Mögliche Risiken und Nebenwirkungen

  • vorübergehende Schwäche beim Kauen, besonders bei harten Speisen
  • Asymmetrie durch ungleichmäßige Wirkung auf beiden Seiten
  • Kopfschmerzen in den ersten Tagen nach der Behandlung
  • Schmerz, Rötung oder Hämatom an den Einstichstellen
  • Mitbehandlung benachbarter Muskeln mit Veränderung von Lächeln oder Mundwinkel
  • unerwünschte Veränderung der Gesichtskontur, etwa eine schmaler wirkende Unterkieferlinie
  • bei wiederholten Zyklen Rückgang des Muskelvolumens (Atrophie)
  • die Wirkung lässt nach 4–6 Monaten nach, die Beschwerden können zurückkehren
  • selten allergische Reaktionen auf Bestandteile des Präparats
  • bei wiederholter Anwendung kann die Wirkung durch Antikörperbildung abnehmen

Off-Label-Anwendung: was das konkret bedeutet

Botulinumtoxin ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel. In Deutschland ist es für bestimmte Anwendungsgebiete zugelassen, zu denen die Behandlung des Kaumuskels weder bei Bruxismus noch aus ästhetischen Gründen gehört. Die Behandlung des Musculus masseter erfolgt daher als sogenannte Off-Label-Anwendung, also außerhalb der arzneimittelrechtlichen Zulassung.

Das ist rechtlich zulässig, hat aber Konsequenzen, die vor der Entscheidung bekannt sein sollten. Die Aufklärungspflicht ist erweitert: Über den Zulassungsstatus, die verfügbare Datenlage und die Behandlungsalternativen muss gesondert und nachweislich informiert werden. Die Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht übernommen. Und die ärztliche Verantwortung für die Indikationsstellung wiegt schwerer als bei einer zugelassenen Anwendung. Aus diesem Grund steht am Anfang immer ein ausführliches Gespräch und eine schriftliche Einwilligung, nicht der Termin zur Injektion.

Wie die Entspannung des Kaumuskels wirkt

Beim Zähneknirschen und Zusammenpressen arbeitet der Kaumuskel über längere Zeiträume gegen einen Widerstand, häufig nachts und ohne dass die Betroffenen es bemerken. Die Folge kann ein dauerhaft erhöhter Muskeltonus sein, der sich als Druck- oder Spannungsgefühl im Kiefer, als Schmerz vor dem Ohr, als Verspannung im Schläfenbereich oder als morgendliche Steifigkeit äußert. Über die Zeit kann der stark beanspruchte Muskel auch an Volumen zunehmen, was die Unterkieferkontur breiter erscheinen lässt.

Botulinumtoxin blockiert an der Verbindungsstelle zwischen Nervenfaser und Muskelzelle die Freisetzung des Botenstoffs Acetylcholin. Ohne dieses Signal kann sich der Muskelanteil im behandelten Bereich weniger stark zusammenziehen. Die Aktivität des Muskels wird abgeschwächt, nicht vollständig aufgehoben; wie stark, hängt von der Dosis ab. Die maximale Kraftentfaltung nimmt ab. Das nächtliche Pressen kann dadurch in seiner Intensität zurückgehen.

Der Effekt ist von Natur aus zeitlich begrenzt. Der Körper bildet an den blockierten Nervenendigungen neue Verbindungen, sodass die Muskelaktivität allmählich zurückkehrt. Nach etwa 4–6 Monaten ist die Wirkung in der Regel abgeklungen. Wer eine anhaltende Entlastung anstrebt, muss die Behandlung wiederholen – oder gemeinsam mit der behandelnden Ärztin entscheiden, sie zu beenden und in Kauf zu nehmen, dass die Beschwerden zurückkehren können.

Warum die zahnärztliche Abklärung vorausgehen sollte

Bruxismus ist kein isoliertes Muskelproblem. Er kann mit Fehlstellungen der Zähne, mit Erkrankungen des Kiefergelenks, mit Schlafstörungen einschließlich schlafbezogener Atmungsstörungen, mit Stress oder mit der Einnahme bestimmter Medikamente zusammenhängen. Kiefer- und Gesichtsschmerz kann außerdem Ursachen haben, die nichts mit dem Kaumuskel zu tun haben, etwa Zahnerkrankungen oder Probleme des Kiefergelenks selbst.

Eine Injektion in den Kaumuskel adressiert keine dieser Ursachen. Sie kann allenfalls ein Symptom abschwächen. Deshalb gehört eine zahnärztliche oder kieferorthopädische Untersuchung vor die Entscheidung, ebenso die Frage nach Schienentherapie, Physiotherapie und Maßnahmen zur Stressbewältigung. Diese Seite gibt allgemeine Informationen und ersetzt weder eine Untersuchung noch eine Diagnose.

Was diese Behandlung nicht leisten kann

Sie behandelt die Ursache des Zähneknirschens nicht. Wenn Stress, eine Schlafstörung oder eine Bissfehlstellung zugrunde liegt, bleiben diese Faktoren bestehen. Bereits eingetretene Schäden an den Zähnen – abgeschliffene Kauflächen, Risse im Schmelz, Schäden an Füllungen oder Kronen – werden dadurch nicht rückgängig gemacht; ihre Versorgung ist Sache der Zahnmedizin. Eine Aufbissschiene, die die Zahnhartsubstanz mechanisch schützt, wird nicht ersetzt.

Auch bei der Kontur des Gesichts sind die Grenzen zu benennen. Eine schmalere Unterkieferlinie kann sich nur ergeben, soweit die Breite tatsächlich vom Kaumuskel herrührt. Wird die Kontur durch den Knochenbau, durch Fettgewebe oder durch die Beschaffenheit der Haut bestimmt, ändert eine Behandlung des Muskels daran nichts. Ob im Einzelfall überhaupt ein muskulärer Anteil vorliegt, lässt sich nur durch eine Untersuchung klären – und in manchen Fällen ist das Ergebnis dieser Untersuchung, dass von der Behandlung abzuraten ist.

Nicht geeignet ist das Verfahren unter anderem bei Erkrankungen der neuromuskulären Übertragung, bei Überempfindlichkeit gegen Bestandteile des Präparats, bei Entzündungen im Injektionsgebiet sowie in Schwangerschaft und Stillzeit.

Häufige Fragen

Ist die Anwendung am Kaumuskel zugelassen?
Nein. Botulinumtoxin ist in Deutschland für die Behandlung des Kaumuskels bei Bruxismus nicht zugelassen, die Anwendung erfolgt off-label. Darüber wird vor der Behandlung gesondert aufgeklärt und die Aufklärung schriftlich dokumentiert.
Kann ich danach normal essen?
In der Regel ja. In den ersten Wochen kann das Kauen sehr harter oder zäher Speisen anstrengender sein, weil der Muskel weniger Kraft entwickelt.
Verändert sich mein Gesicht?
Wird der Kaumuskel über mehrere Zyklen entspannt, kann sein Volumen abnehmen und die Unterkieferkontur weicher wirken. Ob und wie stark das eintritt, ist individuell verschieden.
Ersetzt die Behandlung eine Aufbissschiene?
Nein. Eine zahnärztlich angepasste Schiene schützt die Zahnhartsubstanz. Beide Maßnahmen verfolgen unterschiedliche Ziele und werden häufig gemeinsam eingesetzt. Die zahnärztliche Abklärung sollte vorausgehen.
Gibt es Gegenanzeigen?
Botulinumtoxin ist unter anderem bei Erkrankungen der neuromuskulären Übertragung wie Myasthenia gravis, bei bekannter Überempfindlichkeit gegen Bestandteile des Präparats, bei Infektionen im Injektionsgebiet sowie in Schwangerschaft und Stillzeit nicht geeignet. Auch bestimmte Medikamente sind zu berücksichtigen. Das wird im ärztlichen Gespräch geklärt.